Des Baders Freud – des Pfänners Leid?

In ihrer Ausgabe vom 12. März 1927 berichtete die »Frankenhäuser Zeitung« darüber, dass das Schwimmbad in der Weidengasse in den Jahren 1925 und 1926 »von einem Teil der Einwohnera ſehr begehrt« worden war. Doch eben nur von »einem Teil« der Bevölkerung. Unter denen, die dem Schwimmbad gleichgültig gegenüberstanden, gab es auch Kritiker. Zu ihnen gehörten in erster Linie die Mitglieder der Pfännerschaft. Die Pfännerschaft, Besitzerin und Betreiber der Saline Frankenhausen, war zugleich auch die Besitzerin und Betreiber der Kur- und Badeanlagen der Stadt Frankenhausen und kann als Vorläufer der heutigen Kur GmbH verstanden werden. Ihnen war das neue Schwimmbad in der Weidengasse zu sehr auf die Bedürfnisse der Frankenhäuser Bevölkerung, die ortsansässigen Sportvereine und die Studierenden am »Kyffhäuser-Technikum« zugeschnitten.

Ihrer Meinung nach gab es keine ausreichenden Benutzungszeiten für Kurgäste. Zudem war der Standort des Bades weitab von den Kuranlagen der Pfännerschaft gewählt worden. Das Schwimmbad passte einfach nicht so recht in das nun allseits einsetzende Bemühen, Frankenhausen zu einem florierenden Heilbad auszubauen. Das herausragende Ergebnis dieser Bemühungen war die Genehmigung der thüringischen Landesregierung, ab dem 09. April 1927 die Bezeichnung »Bad« in den Stadtnamen aufzunehmen. 1 Die Zuerkennung des Titels »Bad« resultierte aus einem Antrag, den Stadtrat, Pfännerschaft, Stadtverwaltung und der Verkehrsverein (Fremdenverkehr) in seltener Eintracht gemeinsam gestellt hatten. Bereits im März 1927 war es dem hauptamtlich Zweiten Bürgermeister, Gustav Ibing (1879 - 1953), gelungen, einen Verkehrsausschuss (Fremdenverkehr) unter der Leitung der Stadt zu bilden. 2

In enger Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverein (Fremdenverkehr) und dem Verschönerungsverein setzte eine aufwendige, überregionale Werbekampagne ein. Mit erheblichem finanziellen Aufwand wurden übergroße Werbetafeln auf der »Leipziger Frühjahrsmesse« und in der Innenstadt von Leipzig installiert, um auch internationales Publikum auf die kleine Stadt am Kyffhäuser aufmerksam zu machen.

Junger Bürgermeister wird’s richten

Den weitaus größten Erfolg in der Erregung von Aufmerksamkeit hatte allerdings der Erste Bürgermeister, Dr. Karl Bleckmann (1892 - ?), zu verzeichnen gehabt. Am 23. Juli 1925, während einer Stadtratssitzung, in der jung gegen etwas älter zur Wahl stand, zum neuen Ersten Bürgermeister gewählt, schrieb sich der bis dahin zu den jüngsten Bürgermeistern der Stadt zählende Dr. Bleckmann die Schöpfung eines neuen Heilbades auf die Fahnen.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit gelang es ihm, die Blicke von Hermann Hedrich (1853 - 1927), Vorsitzender der »Krankenkasse des Deutschen Angestelltenbundes«, nach Frankenhausen zu lenken. 3 Unter der Mitverantwortung von H. Hedrich hatte die zu den größten deutschen Angestelltenkrankenkassen zählende »GDA« bereits zwei Kinderkurheime erbauen lassen. In nur einjähriger Bauzeit entstand von 1926 bis 1927 ihr drittes und bis dahin mit 80 Plätzen größtes Kinderkurheim in Bad Frankenhausen. Das am 17. April 1927 (Ostersonntag) eingeweihte Heim trug zu Ehren des nur wenige Tage zuvor verstorbenen Hermann Hedrich zukünftig seinen Namen.

Schöpfer des monumentalen, oberhalb der Stadt an der Thomas-Müntzer-Straße gelegenen Bauwerkes, war der Leipziger Architekt Georg Wünschmann (1868 - 1937). G. Wünschmann, der seit 1895 ein Architekturbüro in Leipzig betrieb, zu den gefragtesten Architekten nicht nur der Messestadt gehörte und zeitweilig auch den Vorsitz im deutschen Architektenverband inne hatte, mochte sich fortan nicht mehr von Bad Frankenhausen zu lösen. 4 Überaus geschäftstüchtig und arbeitsam plante und realisierte er fast zeitgleich die Anlegung des Heimathofes. Seine Projekte machten ihn sowohl mit den Pfännern als auch Bürgermeister Dr. Bleckmann näher bekannt und mündeten am 20. Januar 1927 zunächst in die Eröffnung einer Filiale seines Leipziger Büros in Frankenhausen. 5

Pfänner mit eigener Idee für Freibad

Innerhalb der Pfännerschaft gab es inzwischen Diskussionen darüber, in welcher Form die Kur- und Badeanlagen um- bzw. neugestaltet werden könnten. Eine der Überlegungen zielte auf die Errichtung eines eigenen Freibades ab. 6 Ohne dazu aufgefordert worden zu sein, entwarf G. Wünschmann zu Beginn des Jahres 1927 auf eigene Kosten zwei Projekte zur völligen Neugestaltung der pfännerschaftlichen Badeanlagen im Bereich des heutigen Kurparks, des Soleschwimmbades und des Quellgrundes. Beide Projekte entwarf er in seiner Eigenschaft als Mitglied der 1856 gegründeten »Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft«, Ortsgruppe Leipzig.

Die Mitglieder der Kunstgenossenschaft gedachten sich damit an einer Jahrfeierausstellung der Stadt Nordhausen zu beteiligen. Durch Vermittlung von Erster Bürgermeister Dr. Bleckmann wurde die gesamte Ausstellung im März 1927 zuerst im Frankenhäuser Kurhaus eröffnet und vierzehn Tage dem Publikum präsentiert. 7

Während die Kurgäste und Studierenden des Technikums die Ausstellung interessiert wahrnahmen, fanden die Entwürfe und Modelle von G. Wünschmann und seinen Kollegen, die eine idealistische Gestaltung des Kurbades, des Herrschaftsberges (Heimathof), des Weinberges und einen touristenfreundlichen neuen Bahnhof zeigten, bei den Frankenhäusern kaum Beachtung.

Um die Umsetzung seiner Projekte im Bereich des Kurbades zu befördern, erwarb G. Wünschmann insgesamt 9 Sölden (Anteile an der Saline) und wurde dadurch Mitglied der Pfännerschaft. Jede einzelne Sölde bedeutete eine Stimme bei Abstimmungen auf den Versammlungen der Pfänner. Je mehr Sölden, je mehr Stimmen. Auch über die Neugestaltung der Kur- und Badeanlagen wurde mehrere Male abgestimmt, doch wurde die Umsetzung auf Grund fehlender Finanzmittel immer wieder verschoben. Dadurch erhielten die Planungen von Erster Bürgermeister Dr. Bleckmann und seinem Architekten, G. Wünschmann, einen herben Rückschlag. Aus dem Vorhaben, die Kuranlagen »im Geiste des Hermann-Hedrich-Heimes« einer kompletten »Neuschöpfung« zu unterziehen, wurde nichts.

Dazu sei bemerkt, dass die Stadt Bad Frankenhausen nur bedingt über Einfluss innerhalb der Pfännerschaft verfügte. Die Mitbestimmung war auch hier an die Zahl der Sölden geknüpft. In der Regel besaß die Stadt zwischen einer und sechs Sölden. Angesichts von rund 300 Sölden, die um 1930 existierten, nicht eben viel an Mitbestimmungsmöglichkeit. Bürgermeister und Stadtrat konnten ihre Vorstellungen in Sachen Kur-und Badebetrieb zwar kundtun, finanzielle Beihilfen zusagen, doch letztlich wurde über die Umsetzung mit Stimmenmehrheit entschieden. Und die Pfänner waren überaus vorsichtig, wenn es darum ging, in ihre eigene wie in die Zukunft der Stadt zu investieren. Deshalb waren bei Bürgermeister und Rat auswärtige Investoren, wie in Person von Hermann Hedrich geschehen, mehr als willkommen. Die Pfänner lebten noch immer die überkommene Vorstellung, dass Investitionen in die Saline Vorrang gegenüber der Beförderung des Kurbetriebes besaßen.

Finanzkrise wirkte sich aus

Mit Ausbruch der Weitwirtschaftskrise 1929 war an eine Umsetzung vorerst gar nicht mehr zu denken. Nun hatten Bürgermeister und Stadtverwaltung genug Sorgen damit, den Betrieb des Schwimmbades in der Weidengasse aufrecht zu erhalten. Als angesichts der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und ungezählter arbeitsloser Frankenhäuser der Stadtrat im Frühjahr 1931 eine Verminderung der Badepreise beschloss, widersetzte sich Dr. Bleckmann der Umsetzung des Beschlusses. 8

Mit Verweis auf die inzwischen katastrophale Haushaltslage hatte er den Stadtratsbeschluss unausgeführt gelassen. Das Ende der Badesaison erlebte Dr. Karl Bleckmann nicht mehr, jedenfalls nicht mehr im Amt des Bürgermeisters. Für das Weiterkommen der Stadt hatte er zwar einiges getan, doch dabei den finanziellen Spielraum von Bad Frankenhausen weit überspannt. Die Stadt war verschuldet und eine Mehrheit des Stadtrates zog die Konsequenzen - der Erste Bürgermeister (Bürgerliche Fraktion) wurde suspendiert, die Stelle des hauptamtlich Zweiten Bürgermeisters (SPD-Fraktion) aus dem Etat gestrichen. Der Suspendierung folgte die Nichtwiederwahl. Stadtrat und Stadtverwaltung wurden 1930/31 sogar zeitweilig unter Aufsicht und Kontrolle eines vom Land Thüringen verfügten Staatskommissars gestellt.

Bad in der Weidengasse musste vorerst genügen

Angesichts dieser prekären Situation konzentrierten sich die Aktivitäten des neuen Bürgermeisters fast ausschließlich auf die Erhaltung und den Ausbau des Schwimmbades in der Weidengasse. Alfred Hess (1895 - ?), so der Name des Neuen im Amt, schlug dem Stadtrat einige Neuerungen vor. So sollte das Schwimmbad noch in der Saison 1932 ein Kinderplanschbecken, neue Umkleidekabinen und einen Anschluss an die städtische Wasserleitung erhalten. 9

Bei nur einer Enthaltung entschloss sich die große Mehrheit der Stadträte für die Ausführung der Planungen. Die Umsetzung ging nur schleppend voran. Es fehlte schlicht das Geld dafür im Haushalt. Letztlich wurde versucht, die Ausbaukosten über die Streichung von Freikarten für die Sportvereine hereinzuholen. Dass diese davon nicht begeistert waren, versteht sich von selbst. Allen Finanzproblemen der Stadt zum Trotz, an den Werbekosten zugunsten des Kur- und Badewesens wurde nicht gespart. 10

Waren die Ausgaben dafür 1932 fast ausschließlich von der Stadt getragen worden, einschließlich der Bewerbung des Schwimmbades in der Weidengasse, suchte die Stadtverwaltung für 1933 ein gemeinsames Werbeprojekt mit der Pfännerschaft und dem Verkehrsverein zu planen. Doch bevor es dazu kam, sollten die Ereignisse ab Januar 1933 einen anderen Verlauf nehmen.

Literaturverzeichnis

  1. Frankenhäuser Zeitung, Nr. 84, vom 09.04.1927, »Ab heute: Bad Frankenhausen (Kyffh.)«.
  2. Frankenhäuser Zeitung, Nr. 63, vom 16.03.1927, »Die Hebung des Verkehrs unserer althistorischen Salz- und Touristenstadt«.
  3. Frankenhäuser Zeitung, Nr. 89, vom 16.04.1927, Trögel, Fritz, Dr.: »Zur Einweihung des Hermann-Hedrich-Heim« am 17. April 1927.«
  4. Zöllner, Frank (Herausgeber): Georg Wünschmann (1868 -1937) - Ein Leipziger Architekt und die Pluralität der Stile, Leipzig 2006. (Die Biografie berücksichtigt Bad Frankenhausen leider nur im Anhang.)
  5. Stadtarchiv Bad F, 1/X-271: Gewerbeanmeldungen 1893 - 1927, 2. Teil, Nr. 153.
  6. Stadtarchiv Bad F, 6/1-1247: Protokolle der Pfännerschafts-Versammlungen 1907 -1937, Versammlung vom 19.03.1935.
  7. Frankenhäuser Zeitung, Nr. 61, vom 14.03.1927, »Eröffnung der Kunstausstellung im Kurhaus«.
  8. Stadtarchiv Bad F, 1/11 A-201: Stadtratssitzungsprotokolle 1928 - 1932, Blatt 509. vertrauliche Sitzung vom 04.06.1931, TOP 2.
  9. Stadtarchiv Bad F. 1/11 A-201: Stadtratssitzungsprotokolle 1928 - 1932, Blatt 687, vertrauliche Sitzung vom 28.04.1932 und Blatt 696 - 697, vertrauliche Sitzung vom 19.05.1932.
  10. Stadtarchiv Bad F, 6/1-1247: Protokolle der Pfännerschafts-Versammlungen 1907 -1937, Versammlung vom 03.10.1932