(20.09. 1828 – 24.10. 1916)

Am 24. Oktober 1916 verstarb ein Ehrenbürger unserer Stadt, dessen Name sich in Bad Frankenhausen mit zahlreichen gemeinnützigen und wohltätigen Stiftungen, Spenden und Förderungen für die Stadt, Vereine und Einrichtungen verbindet – Wilhelm Schall.

Mehr als 100 Jahre nach seinem Tod sind einige seiner geförderten Werke bereits in Vergessenheit geraten. Für den kundigen Bad Frankenhäuser verbindet sich der Name heute noch mit dem Werden und Gedeihen von »Wilhelmstift« und dem Erholungsheim für Kinder an der Wipper oder dem »Haus Hoheneck« an der Kyffhäuserstraße. Doch sind dies keineswegs die einzigen Spuren, die dieser Mann und seine Familie in unserer Stadt hinterlassen haben. Das Nachstehende ist Grund genug, sich dem Leben dieses Mannes und seiner Familie in anerkennender Weise zu nähern.

Die Ursprünge der Familie liegen in Gotha, wo ein Vorfahre als Hofbuchdrucker tätig war. Im Jahre 1683 erhielt ein gewisser Johann Adam Schall das Bürgerrecht in Frankenhausen. Von Beruf Goldschmied, wurde er 1703 zum ersten Mal, 1706 zum zweiten Mal zum Bürgermeister seiner neuen Heimatstadt gewählt.

Durch seine zahlenmäßige Nachkommenschaft etablierte sich die Familie innerhalb der Mauern der Stadt. Johann Traugott Schall (1762 - 1836), Wilhelm Schall’s Großvater, legte mit dem Einstieg in den seinerzeit gewinnbringenden Großhandel mit Wolle den Grundstein für das nicht unbeträchtliche Familienvermögen. Der Vater, Johann Christian Friedrich Heinrich Schall (1789 - 1879), baute diesen Geschäftsbereich weiter aus und trat als Landkammerrat in den Staatsdienst des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt ein.

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»Wilhelmstift« (1960er Jahre)
Foto: Regionalmuseum
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»Hoheneck« (1930er Jahre)
Foto: Regionalmuseum

1823 heiratete er Charlotte Therese Weiße, die Tochter des Leipziger Universitätsprofessors Dr. Christian Ernst Weiße (1766 - 1832). Heinrich Wilhelm Ferdinand Schall, wie sein vollständiger Name lautete, wurde als fünftes von acht Kindern des Ehepaares Schall 1828 in Frankenhausen geboren. Das ursprüngliche, an der Einmündung der Rittergasse in die Klosterstraße stehende Wohnhaus (heute Parkplatz) der Familie, ist nicht mehr vorhanden. Vom einstigen, ursprünglichen Familienbesitz zeugen allerdings heute noch andere Gebäude und Grundstücke inmitten der Stadt.

Dazu gehörten die Wohn- und Geschäftshäuser Markt 9 (ehemals Landratsamt Frankenhausen, Marktschule und Poliklinik), Markt 10 (Steinbrück-Apotheke), Klosterstraße 15 (Zahnarztpraxis Dr. Puschmann und Kinderärztin Dr. Siebert) und das Wohnhaus Klosterstraße 17 (Arztpraxis Dr. Trautvetter). Letzteres hatte der Vater, J.Ch.F.H. Schall, ab 1866 als Altersruhesitz errichten lassen.

Hinzu kamen die dazwischenliegenden Gärten und Höfe, zum Teil bis an die Quergasse reichend. Die meisten Häuser waren keine reinen Wohnhäuser, sondern dienten dem Wollhandel, der zwischen 1800 und 1850 zu den wichtigsten und einträglichsten Wirtschaftszweigen der Stadt gehörte. Das ehemals größte Wollhandelshaus steht im Übrigen an der Westseite des Angers, das alte Realgymnasium (später EOS und Grundschule). Wilhelm Schall bevorzugte als Wohnsitz später das Haus Klosterstraße 15, das er neben dem Haus Markt 9 aus der Familienhinterlassenschaft erhielt.

Kinderzeit auf Rittergut in Stötteritz

Seine Kinder- und Jugendzeit wurde durch häufige Aufenthalte der ganzen Familie in Stötteritz (seit 1910 Ortsteil von Leipzig) und Leipzig geprägt. In Stötteritz besaß die Familie seiner Mutter ein Rittergut. Erworben hatte dieses 1790 sein Urgroßvater Christian Felix Weiße (1726 - 1804). Bei dieser Person handelte es sich um keinen geringeren als einen der bedeutendsten Dichter und Jugendschriftsteller seiner Zeit. Zu seinem Bekanntenkreis gehörten seinerzeit G. E. Lessing, Christoph Martin Wieland, Friedrich Nicolai oder Christian Fürchtegott Gellert. Er gilt als Begründer der deutschen Kinder- und Jugendliteratur und war der Herausgeber der ersten deutschen pädagogischen Kinderzeitschrift »Der Kinderfreund«.

Persönlich lernte Wilhelm seinen Urgroßvater nicht mehr kennen, doch dürfte er im Hause seines Großvaters davon gehört haben. Dieser selbst war seit 1805 Professor an der juristischen Fakultät der Universität Leipzig und Verfasser einer mehrbändigen Geschichte Sachsens. Nach dem Tod des Großvaters 1832 hielt sich die Familie noch öfters in Leipzig auf. Zwei seiner jüngeren Schwestern kamen hier 1834 und 1841 zur Welt.

Über den Bildungsweg von Wilhelm Schall wissen wir kaum etwas. Aus späteren Aufzeichnungen Dritter, die ihn jedoch erst als erwachsenen und gestandenen Mann kennen gelernt hatten, ist lediglich zu entnehmen, dass er sich dem Bankwesen verschrieb. Gegründet auf dem nicht unbeträchtlichen Vermögen seiner Familie und eigenem Zutun brachte er es zum vermögenden Bankier. Seine Bank besaß Filialen in Bremen, Paris, London und New York. Mit seiner Geburts- und Vaterstadt brachte ihn das Jahr 1876 wieder in nähere Berührung.

Seinem Vater war durch Minna Hankel (1827 - 1902) angetragen worden, sie bei der Gründung einer »Kinderheilanstalt« finanziell zu unterstützen. Bereits in der Vergangenheit hatte dieser gezeigt, dass auch er sein Vermögen zum Wohle der Stadt einzusetzen vermag. Er hatte die erste Stiftung der Familie Schall ins Leben gerufen und z. B. die 1847 von Diakon Friedrich Adolf Martini (1812 - 1872) eröffnete »Kinderbewahranstalt« (heute Kita Sonnenschein, Schlossstraße) mit beträchtlichen finanziellen Zuwendungen bedacht. Dem Wunsche seines schon hochbetagten Vaters folgend, übernahm er es, Minna Hankel in ihrem Vorhaben allseitig zu unterstützen.

Es sollte nicht bei dieser einen - für die Stadt segensreichen - Förderung bleiben. Nach dem Tod seines Vaters setzte er dessen wohltätigen Stiftungen fort. Zurück nach Frankenhausen führte ihn sein Engagement jedoch nicht sofort. Erst 1893 nahm er seinen Hauptwohnsitz hier. Offizieller Bürger wurde er am 14.07. 1899, als ihm das Bürgerrecht erteilt wurde.

1899 endgültig nach Frankenhausen heimgekehrt, nahm Wilhelm Schall regen Anteil an den Geschehnissen seiner Heimatstadt. Die daraus gewonnenen Eindrücke und sein fortgeschrittenes Alter bewogen ihn, am 10. Juli 1912 sein bisheriges wohltätiges Wirken in einer einzigen, vielen Zwecken dienenden Stiftung zu bündeln.

Mit diesem Datum verbindet sich die eigentliche Gründung der »Wilhelm Schall’sche Stiftung für die Kirchen und mildtätigen Anstalten in Frankenhausen«, schon kurz darauf vom Volksmund schlicht als »Schallstiftung« bezeichnet. In den einleitenden Worten der Stiftungsurkunde benannte Wilhelm Schall alle Einrichtungen der Stadt, die zukünftig in den Genuss des Stiftungsvermögens gelangen sollten:

»Für meine Vaterſtadt Frankenhauſen begründe i zu Gunſten der Kiren, nämli der Unterkire, der Oberkire und der Altſtädter Kire, ſowie der mildtätigen Anſtalten, nämli der Kinderheilanſtalt, des Frauenvereins, des Wilhelmſtis, der Kinderbewahranſtalt, des Marienſtis Hoſpitals St. Severi und St. Martini und des Bezirkskrankenhauſes eine retsfähige Stiung«

Zum Vorstande der Stiftung wurde der Stadtrat von Frankenhausen bestimmt. Nach der Genehmigung der Stiftungsgründung durch das Fürstlich Schwarzburgische Ministerium des Innern (Justizabteilung) am 02. August 1912 nahm der Stadtrat zum 01. Januar 1913 seine Arbeit als Stiftungsvorstand auf. Die Berufung von Familienmitgliedern in den Vorstand hatte W. Schall vermieden. Er band sein Lebenswerk ausschließlich an die Stadt Frankenhausen und an die Entscheidung von Personen, die hier ihren Wohnsitz hatten. Mitglieder seiner Familie würden sich, wenn überhaupt, nur im Alter in Frankenhausen niederlassen oder die Stadt als Nebenwohnsitz betrachten. Schließlich verdiente die Familie ihr Geld im Bankgewerbe.

Der Hauptsitz ihrer Firma lag in der alten Hansestadt Bremen. Über die großen Schifffahrtslinien wurden die Geschäfte mit den Filialen in London und New York abgewickelt. Zudem besaß die Familie auch hier ein prächtiges Anwesen, das heute kirchlichen Zweck dient. Hier gibt es möglicherweise einen engeren Zusammenhang mit dem Bau von Haus »Hoheneck« (siehe Bild oben) in den Jahren 1912 bis 1913. Bauherr war nicht Wilhelm Schall, sondern sein Schwiegersohn Müller-Schall. Die Kinder scheinen ihrem bereits hochbetagten Vater entgegenkommen zu wollen, indem sie auch in Frankenhausen einen repräsentativen Wohnsitz für die gesamte Familie schaffen wollten. W. Schall bevorzugte mit dem Haus »Klosterstraße 17« jedoch bis zu seinem Tod 1916 die innerstädtische Wohnlage und nicht die Abgeschiedenheit am Waldesrand.

Zahlreich sind die gemeinnützigen Werke, die durch ihn entstehen konnten bzw. durch seine finanziellen Zuwendungen gefördert und erhalten wurden. Die meisten dieser Gründungen haben noch heute Bestand, wenn auch nicht mehr unter den seinerzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen und in anderer Trägerschaft.

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Gedenkstein auf dem Gelände der Kinderheilanstalt (Aufnahme 1950er Jahre)
Foto: Regionalmuseum
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Villa der Familie Schall auf dem Weinberg, 1930er Jahre
Foto: Regionalmuseum

Wenn heute noch in Bad Frankenhausen Kinderkuren bzw. Mutter/Kind-Kuren durchgeführt werden, so schufen nicht zuletzt Wilhelm Schall und sein Vater dafür die Grundvoraussetzungen, nämlich indem sie das menschenfreundliche Bemühen der Frankenhäuserin Minna Hankel (1827 - 1902), ein Erholungsheim für skrofulöse Kinder einzurichten, in ungewöhnlicher Großzügigkeit unterstützten. Beförderten sie die Begründung 1876 mit geldlichen Zuwendungen, übertrugen sie 1878 der nun bestehenden Heilanstalt Teile ihrer Grundstücke und ein Wohnhaus.

In den folgenden Jahren kaufte W. Schall Nachbargrundstücke hinzu und gab Geld für Erweiterungs- und Neubauten. Das Zusammenwirken mit Minna Hankel bis zu ihrem Tod 1902 erwies sich als äußerst fruchtbar.

Eines seiner Projekte, welches ihm offensichtlich besonders am Herzen lag, für das er nicht nur die materielle Basis sicherte, sondern dessen Fortgang und Wirken er auch immer wieder persönlich mit herzlichem Interesse begleitete, war ein Heim, das »der Erziehung li verwahrloſter oder gefährdeter Kinder« dienen sollte. 1894 mit einem Zuschuss von 100.000 Mark von W. Schall auf den Weg gebracht, bezeichnete man die Einrichtung zunächst schlicht als »Rettungshaus«. Später wurde es ihm zu Ehren in »Wilhelm-Stift« umgetauft.

Dieses Heim erfuhr während seines mehr als einhundertzehnjährigen Bestehens in den Stürmen der Zeit mehrfache Umnutzungen und ist im Jahre 1992 wieder zu dem geworden, wozu es W. Schall einst bestimmt hatte, dem »Wilhelmsstift«.

Weit weniger bekannt sein dürfte, dass die Gemeindepflege in der Erfurter Straße, heute Diakonie, auf W. Schall zurückgeht. Er stiftete dem Dresdener Diakonissenhaus ein Kapital, das es diesem ermöglichte, eine Diakonisse in unserer Stadt zu unterhalten. Zugleich schenkte er dem bestehenden Frauenverein 1885 ein Kapital von 15.000 Mark, mit welchem das Vereinshaus (heute Diakonie) unterhalten werden sollte.

Das Bezirkskrankenhaus erhielt ab 1912 jedes Jahr eine gewisse Summe aus der Stiftung, um Neuanschaffungen an technischen Gerät und Einrichtungsgegenständen erwerben bzw. bauliche Verbesserungen vornehmen zu können.

Wilhelm Schall war nicht nur ein gläubiger, sondern auch ein engagierter Christ, dem die Kirchen in und um Frankenhausen viel zu verdanken hatten. So tat er regelmäßig viel für die Erhaltung und Erneuerung der Oberkirche, ebenso lag ihm die Kirche St. Petri in der Altstadt am Herzen. Aber auch für die Kirchen in Steinthaleben, Seega und Ichstedt brachte er Mittel zur Erneuerung auf. Die meisten Mittel jedoch flossen in die Unterkirche. Ohne sein finanzielles Engagement wäre ihre Generalsanierung 1884 bis 1888 wesentlich bescheidener ausgefallen.

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Trauerzug durch die Kräme für Wilhelm Schall, 1916
Foto: Regionalmuseum
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Grabstätte von Wilhelm Schall und seiner Frau im »Botanischen Garten« (Aufnahme 1970er Jahre)
Foto: Regionalmuseum

Als W. Schall 1916 starb, wurde sein Tod durchaus als ein enormer Verlust empfunden. Der Stadtrat seiner Vaterstadt gedachte seiner in einer öffentlichen Stadtratsitzung mit einer Gedenkminute. Zugleich beschworen die Stadtväter, Schalls Vermächtnis, seine Stiftung, für immer zu erhalten. Jedenfalls bis 1963. In diesem Jahr stimmte die Stadtverwaltung einer Beschlussvorlage des Rates des Kreises Artern zu, mit welcher alle noch in Bad Frankenhausen bestehenden Stiftungen aufgelöst werden sollten. Mit Beschluss vom 08. Januar 1964 löste der Rat des Kreises dann die Stiftung auf.

Wilhelm Schall fand seine letzte Ruhestätte in der Familiengrabstätte auf dem »Gottesacker« an der Zinkestraße, dem heutigen Botanischen Garten. Obwohl bereits geschlossen, wurde seiner Beisetzung an diesem Ort zugestimmt.

Dr. Ulrich Hahnemann

Literatur- und Quellenangaben

Stadtarchiv Bad Frankenhausen: 1/Va-217(1-6) und 1/Va-27 (Wilhelm-Schall-Stiftung); 1/IIA-379: Bürgerbrief Johann Adam Schall 1683; 1/VIII-12, 30, 38, 40 und 50 (Bauakten 1866-1907); 6/III-1: Schenkungsurkunde über Grundstück Kinderheilanstalt 1878.
Wippermann, E.A.A.: Stammtafeln der in der Stadt Frankenhausen größtenteils schon seit längerer Zeit heimisch gewesenen Familien, Sondershausen 1843, S. 29.
Heydick, Lutz: Rittergüter & Schlösser im Leipziger Land, Beucha 1993, S. 69 ff.
Frankenhäuser Zeitung, Jahrgang 1908, Nr. 222: Artikel zum 80. Geburtstag.
Frankenhäuser Zeitung, Jahrgang 1916, Nr. 255: Nachruf
Für Material zum Werdegang der der Wilhelm-Schall-Stiftung von 1945 bis 1964 danken die Autoren Frau Petra Jeske, Abteilung Liegenschaften, Stadtverwaltung Bad Frankenhausen.